Wayang Kulit – Das indonesische Schattentheater

Heute noch werden auf Java und Bali in den Dörfern und Palästen Schattenspiele aufgeführt, derzeit auch zur Besänftigung der Götter, um ein erneutes Erdbeben oder einen Vulkanausbruch des Merapi zu verhindern.
Das Wayang Kulit ist sicherlich das bekannteste Schattentheater Indonesiens und seit 2003 Weltkulturerbe der UNESCO. Das Wort Wayang selbst stammt aus dem Indonesischen und bedeutet Geist, Schatten – aber auch Ahne, Kulit bedeutet Leder.
Die farbig bemalten Figuren stellen die materielle Welt dar, sie werden als Medium angesehen für ihre Schatten, die das Übernatürliche und damit die eigentliche Wirklichkeit sichtbar machen. Ein Figurenset besteht aus ca 130 – 180 verschiedenen Figuren, die zum Teil aus der hinduistischen Mystik des Ramayana oder Mahabharata stammen. Manche Charaktere wie die Panakawan lassen sich aus vorhinduistischer Zeit ableiten, das bedeutet, dass es schon vor 1000 und mehr Jahren Aufführungen mit Schattenfiguren gab, sie dienten auch der Kontaktaufnahme mit den Ahnen. Als der Hinduismus nach Java kam, verschmolz die alte mit der neuen Götterwelt, später führte der Islam zu einer inhaltlichen und gestalterischen Überformung.
Bei den heutigen Aufführungen geht es grundsätzlich um die Auseinandersetzungen zwischen „Gut“ und „Böse“; das Gute wird repräsentiert durch die Pandawas, das Böse durch die Kaurawas. Die Götter beobachten dabei das Treiben der Menschen und greifen nach ihrem Gutdünken ein. Dämonen und böse Geister bedrohen zusätzlich die Menschheit und das Gleichgewicht der kosmischen Welt.
Die Wayang Kulit Figuren werden aus Büffelleder hergestellt und nach genau vorgeschriebenen Mustern zisiliert, grundiert und bemalt. Die handwerkliche Herstellung kann einige Wochen in Anspruch nehmen. An Gesichtsfarbe, Kopfneigung, Fingerhaltung, Beinstellung, Form der Augen und der Nase lässt sich der Charakter m.o.w leicht erkennen. Eine traditionell arrangierte Vorstellung wird von einem Gamelan Orchester begleitet und dauert von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang, also bis zu 9 Stunden. Der Schattenspieler (Dhalang) bewegt die von einer Lampe beleuchteten Figuren vor einer Leinwand; auf der Rückseite sind dann die Schatten der Figuren zu sehen. Manche Situationen sind hochdramatisch und fesseln ein ergriffenes Publikum, andere Spielszenen zeigen auch politische und dörfliche Aspekte in einer ironischen Art, so dass die Zuschauer oft in Gelächter ausbrechen und lautstark Kommentare zu dem Geschehen abgeben.
Die Tradition des Wayang ist als Ausdruck tief greifender religiöser Vorstellungen zu begreifen. Noch hält sich diese Tradition, doch es besteht schon die Gefahr, dass es zunehmend durch westlich geprägte Modernisierungen der Gesellschaft wie auch durch das Fernsehen zu einem Wertewandel kommt und die alten Sitten und Traditionen verdrängt werden.  

Dieter Seifert Nienborstel, April 2013

 

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